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TheaterUnterhaltungen

Heldenverehrung, Reizexplosion

In der Alten Oper Frankfurt wird gerade wieder Michael Jackson mit „Thriller live“ gefeiert.


Alles Erwartete ist vorhanden: der faszinierende Moonwalk, mit dem Michael Jackson rückwärts über die Bühne gleitete, der provozierende Griff in den Schritt und natürlich all die Hits, die den King of Pop zu einer Legende werden ließen. Doch „Thriller live“, das bis Samstag zum wiederholten Mal in der Alten Oper in Frankfurt zu sehen ist, unterscheidet sich von anderen Shows, die die Erinnerung an den 2009 verstorbenen Künstler in diesem Jahr pushen, in dem er am 29. August seinen 60. Geburtstag gefeiert hätte: Produzent Adrian Grant war mit Jackson befreundet und hatte die Gelegenheit, dem Unnahbaren seine aufwendige Hommage persönlich zu zeigen, kurz bevor dieser so plötzlich starb.

 

Vielleicht ist das der Grund dafür, warum die schon mehr als 4000. Mal im Londoner Lyric Theatre und vor mehr als 2,3 Millionen Menschen weltweit vollzogene Verneigung vor einem der erfolgreichsten Musiker und Entertainer der vergangenen Jahrzehnte nicht versucht, den unnachahmlichen Mega-Star mittels eines möglichst ähnlichen Doubles zu kopieren. Vielmehr ist der zweistündige Abend als wenig kommentierte Reise durch sein Leben angelegt, auf der fünf Sängerinnen und Sänger im Wechsel die Songs von „History“ bis „Black or White“ ineinander fließen lassen. Das schmeichelt sich nicht immer in das die Stimme des Originals gewohnte Ohr.

 

Doch das Gesamtwerk erweist sich als Reizexplosion. Vor und auf den beiden illuminierten Treppen an den Seiten, die eine schwebende Brücke miteinander verbindet, überschlagen sich Tänzerinnen und Tänzer voller Energie dabei, mehr als nur einen passenden Hintergrund zu bilden. In bunten, jeweils zeitgemäßen Kostümen lassen sie Aerobic-Kultur ebenso wie die Zombies des Titellieds auferstehen. Nicht ganz so perfekt, wie es der mit berühmten Filmregisseuren zusammenarbeitende Jackson von seinem eigenen Background-Ensemble gefordert hätte, und die Monster betreffend auch eher kitschig als unheimlich, aber durchaus eindrucksvoll und mitreißend.


Das Publikum erhebt sich von den Sitzen, anfangs weniger angetrieben von den Rhythmen als von den engagierten Protagonisten, während vorne immer mehr an Bodenhaftung verloren geht. Die wenigen Worte, die nicht gesungen werden, berichten von Bestmarken und Rekorden bei Plattenverkäufen und Auszeichnungen. Zu „Man in the Mirror“ wird der Millionenverdiener Jackson in eine Reihe mit US-Präsident John F. Kennedy oder Ex-Beatle John Lennon gestellt, deren Schwarz-Weiß-Porträts über eine Leinwand flimmern, und wird die Heldenverehrung auf die Spitze getrieben. Die Zuschauer sind da längst im Rausch, kreischen jetzt auch freiwillig, wenn die ersten Töne von „Billie Jean“ oder „Bad“ erklingen, und lassen sich und die roten Lichtstäbe, die es am Eingang gab, vom „Earth Song“ treiben.

 

Spätestens in dieser letzten halben Stunde vor dem Ende ist man mit den irritierenden Verfremdungen einzelner Interpretationen versöhnt und feiert den vielseitig Begabten und seine Jünger. Das sehnsüchtig Erwartete wurde geliefert.